Glaube und Hoffnung als untrennbare „Geschwister“

veröffentlicht 02.10.2026, Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

Das 19. Interreligiöser Gespräch bot seinen BesucherInnen einen nachdenklichen Abend über die Kraft des Glaubens, die Verantwortung für andere und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Zum Gespräch in das Bingerbrücker Stadtteilzentrum „ZwoZwo“ hatten das Evangelische Dekanat Ingelheim-Oppenheim mit Dekan Olliver Zobel und die Volkshochschule Bingen eingeladen. Unter dem als Appell formulierten Gesprächstitel „Hoffnung lernen!“ diskutierte Dekan Olliver Zobel mit den beiden Geschäftsführern des Bildungswerks Maimonides, Manfred Levy als Vertreter des Judentums und Mustafa Cimşit als Vertreter des Islams als Vertreter darüber, was uns Zuversicht gibt, wenn Gewissheiten schwinden und auch das Publikum beteiligte sich lebhaft an dem ebenso intensiven wie persönlich anrührenden Austausch.

Wie unterschiedlich Hoffnung im Leben eines Menschen Gestalt annehmen kann, machte Manfred Levy deutlich. Manchmal seien es ganz alltägliche Situationen, aus denen Menschen neue Zuversicht schöpften. Mit zunehmendem Alter richte sich die Hoffnung aber auch verstärkt auf die nachfolgenden Generationen. Mustafa Cimşit erzählte, dass er als Muslim schon früh gelernt habe, Hoffnung aus seinem Glauben zu schöpfen. Dazu gehöre insbesondere das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, die niemals ende. Für ihn seien Glaube und Hoffnung untrennbar miteinander verbunden: „Gibst du den Glauben auf, gibst du auch die Hoffnung auf.“

Wenn einer Gesellschaft die Hoffnung verloren geht

Das Gespräch blieb jedoch nicht bei den individuellen Erfahrungen stehen. Welche Folgen hat es für eine Gesellschaft, wenn ihre Mitglieder zunehmend die Zuversicht verlieren? Dekan Olliver Zobel lenkte den Blick auf die Demokratie. Deren Problem sei, dass immer weniger Menschen darauf vertrauten, dass es ihren Kindern einmal besser gehen werde. Doch gerade die Demokratie brauche Hoffnung. „Was können wir den Menschen da sagen?“, fragte Zobel in die Runde.

Cimşit sah eine Ursache für den schwindenden Zukunftsoptimismus in den Erwartungen unserer Wohlstandsgesellschaft. Viele Menschen hätten sich an einen Lebensstandard gewöhnt, den sie nun zu verlieren fürchteten. „Wir haben das Teilen und die Genügsamkeit verlernt.“ Mit unserem heutigen Konsumverhalten, so seine Überzeugung, nähmen wir kommenden Generationen ein Stück ihrer Hoffnung.

Manfred Levy griff diesen Gedanken auf und verwies auf den Klimawandel. Wir wüssten beispielsweise, warum der Rhein immer weniger Wasser führe. Solche Probleme ließen sich nicht durch Religion lösen. Wohl aber könne der Glaube Menschen Kraft und Zuversicht geben, sich den Herausforderungen zu stellen. Gerade angesichts eines negativen Lebensgefühls, das auch durch die mediale Berichterstattung verstärkt werde, komme es darauf an, selbst etwas entgegenzusetzen. Dafür brauche es nicht immer große Gesten. Schon ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch im Alltag könne einem anderen Menschen das Gefühl geben, wahrgenommen zu werden, und neue Hoffnung wecken.

„Ohne kollektive Hoffnung ist die Gesellschaft gefährdet“

Für Cimşit war damit ein zentraler Gedanke angesprochen: Hoffnung und Verantwortung seien zwei Seiten derselben Medaille. Wer keine Hoffnung mehr habe, übernehme auch keine Verantwortung. Im Islam unterschied er drei Ebenen: selbst Hoffnung haben, anderen Hoffnung geben und schließlich selbst zur Hoffnung für andere werden – zum Hoffnungsträger. Hoffnung erschöpfe sich also nicht im Vertrauen darauf, dass alles gut werde. Sie verlange auch, selbst etwas dafür zu tun. „Ohne eine kollektive Hoffnung sehe ich die Gesellschaft gefährdet“, warnte Cimşit.

Dekan Zobel näherte sich dem Thema aus christlicher Perspektive und griff dazu die biblische Geschichte von der Auferweckung des Lazarus auf. Hoffnung sei für ihn weder ein Grundzustand noch eine Emotion, die sich einfach einstellen müsse. Sie werde dem Menschen zugesprochen. „Für mich ist Hoffnung eine Haltung“, erklärte Zobel. Eine Haltung, die auch dort Bestand haben könne, wo die äußeren Umstände wenig Anlass zur Zuversicht böten.

Vielleicht war es gerade diese gemeinsame menschliche Perspektive, die in den Redebeiträgen zum Ausdruck kam, die den Abend so eindrücklich machte. Das Gespräch verlief ruhig und nachdenklich, ohne dass es an lebhaftem Austausch mangelte. Die zahlreichen Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten, wie sehr die Frage nach der Hoffnung die Menschen bewegt.

Sich für die Hoffnung entscheiden

Zum Abschluss gab Dekan Olliver Zobel den Anwesenden einen Gedanken mit auf den Weg, der die Gespräche des Abends noch einmal zusammenführte. Er zitierte den palästinensischen Bischof Dr. Imad Haddad von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Haddid weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, angesichts von Gewalt und alltäglichen Einschränkungen die Zuversicht zu bewahren. Für ihn ist Hoffnung deshalb keine passive Erwartung, sondern eine bewusste Entscheidung: „Weil wir in harten Zeiten leben, wird Hoffnung zu einer Entscheidung, zu einer Entscheidung des Glaubens.“